Beitrag zur Heimatkunde Westernkottens. Von Hedwig Probst. (Mit drei Lichtbildern von G. Birkle)
Aus: Der Patriot 28.07.1934
Zwischen Hellweg und Lippe, wo vom Süden der Rücken des Haarstranges in der Ebene verläuft, und weiter nördlich das Gelände wieder ansteigt, liegt in fruchtbarer Talsohle die Ortschaft Westernkotten. Sie ist ihrer Kreisstadt Lippstadt benachbart und gehört zum Regierungsbezirk Arnsberg.
Die beste Erklärung des Namens Westernkotten ergibt sich aus den Gerichtsakten des von Landsbergschen Archivs in Erwitte aus dem Jahre 1309. Danach war „Cothen“ nur eine Kotieret, d. h. ein Haus mit einer dazugehörigen Salzhütte. Im Jahre 1027 wurde der Cothen Eigentum des Bischofs Mein- werk zu Paderborn. Er erhielt ihn als Zugabe zur „curtis regia“ in Erwitte von Kaiser Konrad II., dem Herrscher aus salischem Hause. 2m Besitze des Bischofs war ebenfalls der „Hof zur Osten“ bei Böckenförde, in dessen westlicher Richtung der „Westeren Cothen“ lag.
Über die Entstehung des Ortes aus dem kleinen Cothen gibt eine an der Nordseits unserer Kirche befindliche, in Stein gemeißelte Inschrift aus dem Jahre 1630 Aufschluss. Es handelt sich um eine Nachbildung des Schlusssteines, der früher über dem Westtore der alten Landwehr nach Erwitte zu eingemauert war. Nach dem Abbruch der Befestigungsanlagen soll er zum Beschweren des Sauerkrautes in der „Jütteschen“ Besitzung am Wall gedient haben.
Ein Sachverständiger entdeckte das wertvolle „Gewicht“ und sorgte dafür, dass die Platte in eine Wand im Innern der Kirche eingelassen wurde. Bei einer Renovierung des Gotteshauses fügte man eine Nachbildung des Steines in die äußere Nordseite ein. Die alte Tafel wurde aus dem Mauerwerk gebrochen. 1932 fand man sie unter dem Hochaltar und gab ihr einen neuen Platz im Innern des Erweiterungsbaues unserer Kirche. Die lateinische Inschrift lautet in freier Übersetzung:
Der Ursprung Westernkottens vor 200 Jahren.
Furchtbar wütet der Krieg, ihm folget der schreckliche Brand nach,
Haus für Haus verschlinget die Flamme, die eilet durch Aspen
Und noch zwei andere Dörfer. Es wechseln den Herd die Bewohner.
Salzige Quellen in der Nähe sie finden und lassen sich nieder.
Aber von Stürmen des Krieges noch wieder und wieder gequälet,
Ganz der Habe beraubt, da — dem Fürsten Ferdinandus vertrauend — Wälle sie rings aufbauen, nach Geheiß schließt jetzt man die Tore. Im Jahre 1630.
Die steinerne Urkunde schildert die Kriegs-Greul der Soester Fehde. Die Heere des Kurfürsten von Köln plünderten mit den ihnen verbündeten böhmisch-hussitischen Söldnern fünf Dörfer, die den „Westeren-Cothen“ umgaben. Aspen. Hockelheim. Mestyschenheim, Swiek und Weringhausen. Aus schwelenden Trümmerhaufen retteten die Bewohner ihre letzte Habe. Um sich vereint besser gegen ähnliche Angriffe wehren zu können, siedelten sie sich in der Nähe der Salzquellen an. Das neue Dorf hieß nach seinem Stammhaus „Westeren-Cothen“, woraus sich im Laufe der Zeit der heutige Ortsname Westernkotten entwickelte. Zur Befestigung umgab man die Siedlung mit einer Landwehr. Tiefe Gräben und Wälle, auf deren Höhen Eichen, Hainbuchen und Dorngestrüpp ein undurchdringliches Hindernis bildeten, geboten dem Feinde Einhalt. Dort, wo die Straßen einen Durchbruch forderten, entstanden steinerne Tore. Und noch heute kennzeichnen Hügel auf den Wällen die Stellen, wo ehemals von Aussichtstürmen Dorfwächter den Feind beobachteten.
Bei einem Gang über den Dorfwall wollen wir Ausschau halten nach denkwürdigen Stätten, die Zeugen der Geschichte der Heimat sind. Wo einst das Westtor war. beginnt unser Weg. Wir gehen dem Norden zu. Der schmale Pfad auf der Wallhöhe ist rechts von dichten Dornhecken begrenzt. Zur Linden trennt ihn ein breiter Graben von fruchtbaren Gärten und Wiesen.

Bildunterschrift 1: Ein Dorfidyll. Gänse auf dem Bach
Aus Busch- und Baumwerk leuchten im Westen die Dächer einer großen Besitzung. Es ist der Weringhoff, ein Gutshaus, von weitem Scheunenkranze und tiefer Gräfte umgeben. Der Name verrät, dass hier früher die Ortschaft Weringhausen lag, die im 15. Jahrhundert von den Feinden zerstört wurde.
Wir gehen an den Salinen vorbei, hören das leise Getröpfel auf den schwarzen Dornwänden und spüren, wie sich der salzige Nebel senkt. Dahinter steigt der Bohrturm aus dem Acker. Er deckt die Solquelle, von der die Gradierwerke, die Sudhäuser und das Solbad gespeist werden.
Zu seinem Fuße dehnen sich die Hungerkämpe. Der steinige harte Boden, dem sonst nur spärliches Gras entspross, ist durch planmäßige Bewirtschaftung in üppige Gärten verwandelt worden.
Hinter der Gieseler, die Westernkotten von seiner Kreisstadt Lippstadt scheidet, liegt der Klosebaum, ein stattlicher Hof.

Bildunterschrift 2: Im Zeichen der Wassernot! Großmutter und Kind am Brunnen.
Hier war einst der Dorfeingang durch einen Schlagbaum —bei uns Schließbaum genannt — versperrt, an dem der „Schließer (von englisch close — schließen) den Wachedienst versah.
Im Nord-Westen erinnert die Radstraße an das kurkölnische Rittergut „Haus zum Rade“ das als Lehen des Königshofes in Erwitte Sitz der Familie von Bredenoll war. Es ist nach den fortwährenden Streitigkeiten um die Landeshoheit im Jahre 1619 von Lippstadt angekauft worden und in Verfall geraten. An der „Radseiche“ wurde das Gogericht gehalten, und später tummelten sich um ihren Stamm die „Hexen“ der näheren und weiteren Umgebung.
Die östlich liegenden Ländereien tragen den Namen Siuke, benannt nach der in der Soester Fehde untergegangenen Ortschaft Swiek. Zur Zeit des Hexenwahnes galt die Siuke (jetzt Suke genannt) als Sammelpunkt und Tanzplatz der Besessenen. Sie ritten auf schwarzen Ziegenböcken, und des Donnerstags um Mitternacht wurde lustig getanzt, getrunken und von einem Pferdeschädel gegessen. — so erzählt die Sage.
Vom östlichen Walle schauen wir ins „Muckenbruch“. Lange Reihen dieser Kopfweiden zeigen, dass dort sumpfiges Gelände für saftige Wiesen nutzbar gemacht worden ist. Im Jahre 1866 wurde das Moorland durch Entwässerung entsäuert. Der heutige Name „Muckenbruch“ deutet darauf hin, dass man als willkommenes Nebenprodukt Torf gewann. Moorerde, faustdick auf trockenes Land gestrichen, wurde nach dem Erhärten in der Sonnenwärme durch Spatenstiche in „Mucken“ abgeteilt. Sie dienten den Dorfbewohnern als Heizmaterial. (1836 kostete ein Fuder Torf ein Reichstaler und sieben Silbergroschen. Davon wurden sieben Groschen für das Material gerechnet und ein Taler für seine Herstellung – nach den Erwitter Kirchenakten).
Eine leichtere Bewirtschaftung der Ländereien wurde erreicht durch eine Verkoppelung der Grundstücke im Jahre 1881. Die Besitzungen der Großen wurden zusammengelegt, und am äußersten Dorfende teilte man die Parzellen für die Armen ab. Sie hatten also einen weiten Weg zu ihrem „Pläneken“ oder „Kirchenfenster“, so benannt wegen der langen schmalen Form des Landes.
Der Rundgang über den Wall führt uns im Süden am Schützenplatze vorbei. Vor der weiten Halle dehnt sich die fest umzäunte Rasenfläche, von Linden beschattet. Die Schützengesellschaft Westernkottens kann auf eine jahrhundertelange Vergangenheit zurückblicken. Eine alte Karte aus dem Jahre 1454 zeigt bereits die Vogelstange an der Stelle, wo sie noch heute ihren Standort hat. Alljährlich veranstalteten die Bürger des Dorfes ein Schützenfest. Den Höhepunkt der Feier bildete das Vogelschießen, dem jeder Ortsinsasse beiwohnte. Der beste Schütze erhielt als Geschenk eine Summe Geldes oder einen Hut. Im Jahre 1694 überreichte man dem „König“ einen silbernen Vogel, der noch alljährlich als Schmuck getragen wird.
— Die Schützengesellschaften wurden sehr bald von den Strömungen des Zunftwesens erfasst. Es bildeten sich drei Kompagnien, von denen jede ihr eigenes Fest an einem bestimmten Tage feierte. Das Männerschützenfest wurde im Jahre 1828 auf Mariä Geburt, den 8. September, festgesetzt. Die Handwerker feierten das Vogelschießen am ersten Sonntag nach dem Lobetag und die Landwirte am Sonntag darauf. Die Vereine standen in engster Gemeinschaft mit der Kirche. Sie waren geistliche Gilden. In den Statuten standen zunächst religiöse Satzungen. Dann folgte die Schießregel. Verbundenheit erklärt es sich, dass die Kompagnien geschlossen an der alljährlichen Lobetagsprozession teilnahmen.
Die alten Bräuche der Schützengesellschaften sind leider im Laufe der Zeit abgeschafft worden. Vor Aschermittwoch ritt die Kompagnie der Bauern das „Kränzchen“ Ein Pfahl wurde in die Erde gerammt. Daran hing ein Kranz, der im Vorüberreiten abgerissen werden musste. 2m sausenden Galopp, von der Peitsche getrieben, jagten die Reiter vorbei. Manch einer siel aus dem Sattel und klagte Ach und Weh ob seines Ungeschicks und seiner Schmerzen. Wer den Kranz gewann, war Herr und wurde im Festzuge durchs Dorf geführt. In allen Straßen herrschte wegen des Reitens große Unsicherheit. Darum mühten sich die Neugierigen damit begnügen, dem tollen Treiben vom Fenster des Hauses zuzuschauen.
Es sei noch kurz erwähnt, dass durch die Standesfeste der drei Schützenkompagnien immerfort Zank und Streit unter diesen herrschte, bis sie sich nach langem Hin und Her im Jahre 1858 zu einem Bataillon zusammenschlössen. In treuer Verbundenheit feiern sie seither am zweiten Sonntag nach dem Lobetag (Mitte Juli) ein friedliches Fest mit Zapfenstreich Vogelschießen, Spiel und Tanz und noch mancherlei lustigen Dingen.
Wir verweilten lange beim Schützenplatze und haben unsere Erinnerung den Ereignissen geschenkt, von denen er früher und heute Zeuge war.
Bald haben wir unseren Rundgang beendet. Noch einmal halten wir am „Bomhof“ (Baumhof) Umschau. Inmitten üppiger Wiesen und Gärten liegt das „Zehnthaus“, ein mächtiger Steinbau, der breit und kantig aus dem Boden wächst. Die Karte aus dem Jahre 1454 zeigt an derselben Stelle den stattlichen Wohnsitz des Burgherrn Adrian von Ense. Er fiel im Jahre 1672 dem tollen Wüten Christians von Braunschweig zum Opfer. Eine tiefe Bodensenkung mit steinernem Durchbruch deutet darauf hin, dass die Besitzung von einem Wassergraben umgeben und über eine Zugbrücke zugänglich war. Nach der Zerstörung muss die Burg recht bald wieder aufgebaut worden sein; denn ein Bild (heute im Priesterseminar zu Paderborn, früher im Residenzschloss des Paderborner Fürstbischofs zu Neuhaus) aus dem Jahre 1656, das einen Gesamtblick über das damalige Westernkotten gibt, zeigt ganz deutlich eine stolze Burg. Im 18. Jahrhundert wurden durch Heirat die von Schade und später die von Papen Erben des Burgherrn von Ense.
Heute ist das Wohngebäude restlos verschwunden. Dagegen ist das Zehnthaus noch gut erhalten. In dem wuchtigen, weit räumigen Speicher wurde der Zehntteil aller Bodenerzeugnisse als Pachtzins der Hörigen des Burgherrn gesammelt. Die 60 Meter lange Zehntscheune, die noch heute im Gebrauch ist, barg die Getreidegarben. Das gedroschene Korn wurde auf den drei übereinanderliegenden Böden des Zehnthauses aufbewahrt. (Vergl. das Bild in Nr. 129 des „Patriot“.)
Der immer wiederkehrende Name Spiekermann, namentlich im engeren Umkreise der Burg, darf uns wohl annehmen lassen, dass ein Spiekermann, der für die Ordnung im Zehnthause Sorge trug, Gründer dieser Familien war.
Der Rundgang über den Wall hat uns schon manches Wissenswerte vom Leben und Treiben der Ortsbewohner erschlossen. Nun gilt es, die wesenhaften Merkmale der Heimat zu erforschen. (Weitere Aufsätze über Salinenwesen und Lobetag folgen.)

Bildunterschrift 3: Das alte Löpersche Haus mit bunten Wappen und folgender Inschrift: In Deo Konfidenz Omnia – Johannes Löper Anna Theodora Brexell Anno 1715 Den 4. October.
Probst, Hedwig, Ein Rundgang über den Dorfwall. Beitrag zur Heimatkunde Westernkottens. Patriot v.28.7. 1934 [Nachlass Probst Nr.14] |